Soundscape-Forschung in Uruguay
von Daniel Maggiolo
Einführung
Ökologie scheint in Uruguay keine besondere Rolle zu spielen, und "akustische" Ökologie scheint noch unwichtiger zu sein. Ich würde sogar sagen, daß "Akustische Ökologie" den meisten Uruguayern überhaupt kein Begriff ist. "Soundscape" ist eine Tatsache, mit der man nichts anfangen kann. Sie ist es nicht einmal wert, daß man darüber spricht.
Weil man damit nichts anfangen kann, wird tatsächlich auch nichts getan. Zum Beispiel öffnen zu viele Uruguayer ihre Autotür, bevor sie die Alarmanlage abschalten. Eines der Hauptziele unseres Projekts ist, das Bewußtsein der Menschen für Soundscapes als relevantes Thema zu schärfen und ihnen wirklich zu helfen, sich selbst sowohl als Konsumenten wie auch als Produzenten von Soundscape, wie es sich gegenwärtig darstellt, zu verstehen.
Ökologie, zumindest wie ich sie begreife, beschäftigt sich nicht nur mit der Rettung der Umwelt, sondern auch mit der Verantwortung, die der Mensch in seiner wechselseitigen Beziehung zur Umwelt hat. Zwischen Mensch und Natur findet ein ständiger dialektischer Austausch statt. Der Mensch formt die Natur notwendigerweise um, fordert ihre Reaktion heraus, und das führt im Gegenzug zur Umformung des Menschen selbst. Eine wachsende Bewußtheit über die Tatsache, daß unsere Handlungen unvermeidliche Folgen für die Natur und uns selbst haben, ist ein sinnvoller Ausgangspunkt.
Soundscape-Forschung in Montevideo
Die Idee, ein Forschungsprojekt über die Soundscape in Uruguay zu unternehmen, entstand aus meinem eigenen Interesse am Klang und seinen Qualitäten als Rohmaterial für meine elektroakustischen Kompositionen. Meine eigene Erfahrung, in einer recht lauten Wohngegend zu leben, die nur an Sonn- und Feiertagen ruhig wird, brachte mich zum Nachdenken über die Rolle, die der Klang bei der Bestimmung unserer Lebensqualität spielen kann.
Das Projekt wurde im Jahr 2000 begonnen und war im elektroakustischen Musikstudio (eMe) an der Musikschule der Staatlichen Universität angesiedelt. Eine Arbeitsgruppe, an der auch Studenten beteiligt waren, wurde dazu gebildet.
Das Projekt beruht auf der Tatsache, daß der Mensch eine zweifache dialektische Beziehung zur Realität hat, sowohl eine funktionale als auch eine ästhetische. Vom funktionalen Standpunkt aus gesehen stellt das Soundscape eine wichtige Informationsquelle dar, die der Mensch nutzen kann, um seine Lebensqualität zu verbessern. Vom ästhetischen Standpunkt aus könnte und sollte die Soundscape vor allem Vergnügen bereiten.
Wir haben diese erste Projektphase als eine Lernphase verstanden, in der wir zunächst die wahre Natur der Stadt, die wir bewohnen, kennenlernen. Das heißt, wir lernen zu hören, auch zu lernen, wie man mit anderen Leuten arbeiten und sich im Dialog befinden kann, um die spezifische Wahrnehmung des Soundscape, das Bewußtsein für seine Qualität und seine Konsequenzen zu schärfen.
Dokumentation und Analyse
Wir machen Aufnahmen von verschiedenen Soundscapes in unserem Land, um ein Archiv von Soundscapes aufzubauen, das später genutzt werden kann, um zukünftigen Generationen zu zeigen, wie die Klangumwelt dieser Bevölkerung am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts beschaffen war. Das stellt auch eine solide Grundlage für die weitergehende Forschung über dieses Thema dar.
Uns ist auch daran gelegen, eine geeignete Methode zur Analyse der Soundscapes zu finden, so daß wir daraus schließen können, welches die jeweils besten Entscheidungen und die richtigen Schritte sind.
Quantitative Analyse, wie sie normalerweise im Bereich der Lärmbekämpfung gehandhabt wird, ist nur ein Teil dieser Methodik. Der Klang mit dem höchsten Schalldruckpegel ist nicht unbedingt der störendste, und vielleicht auch nicht der schädlichste.
Da sie auf der Dialektik zwischen Funktionalität und Ästhetik beruht, sollte die Klangqualität bei der Untersuchung der Beziehung zwischen Mensch und Klangumwelt in Betracht gezogen werden. Die Offenlegung der dialektischen Beziehung zwischen qualitativer und quantitativer Analyse scheint eine geeignete methodische Grundlage zur Erforschung von Soundscapes darzustellen.
Besondere Beachtung verdient (wiederum) die Dialektik von individueller und kollektiver Wahrnehmung der Umweltklänge wie auch ihrer Bedeutung - sowohl individuelle als auch gemeinsame Bedeutung unter Betrachtung des Kontexts, in dem sie hervorgebracht und wahrgenommen werden.
Klangspaziergang durch Montevideo
Auf Einladung der Musikschule der Uruguayischen Universität und des Goethe-Instituts, gab der deutsche Komponist und Klangdesigner Hans Ulrich Werner im November 2001 einen Workshop in Montevideo. Dabei versuchte er, ein Gleichgewicht zwischen theoretischen Ansätzen, Hörerfahrungen und praktischer Betätigung herzustellen.
Viele Klangspaziergänge wurden als Teil des Workshops unternommen, wobei den Teilnehmern die Bedeutung dieser Übung klar wurde. Sie konnten die Klänge ihrer Stadt (wieder)entdecken, die verschiedenen Rhythmen, die Stille, und auch ihre (überraschenden) Vögel.
"Überraschung" war ein Wort, das sich bei den Diskussionen auf diesen Klangspaziergängen oft vernehmen ließ.
In einem Konzert im Goethe-Institut wurden Kompositionen aus fünf Generationen von Soundscape-Gestaltern vorgestellt. Wir hatten die Gelegenheit, mit Hildegard Westerkamp am Telefon zu sprechen, die durch die Kommentare und Hinweise Werners ohnehin die ganze Zeit anwesend war. Auf der Grundlage ihrer Definition von akustischer Ökologie stellte sie ihre Arbeit "Gently Penetrating beneath the sounding surfaces of another place" vor, die nachher im Konzert aufgeführt wurde.
Während des Klangspaziergangs am nächsten Tag bemerkten die Teilnehmer, daß die Erfahrung von Westerkamps Stück und ihre Kommentare sie anders über die Klänge ihrer eigenen Stadt denken ließ und sie dazu brachte, aufmerksam zu sein und der Klangumgebung und ihren einzelnen Klängen in einer ganz anderen Weise zuzuhören. Dieses ist ein Beispiel, wie Musik - und allgemein Klangkunst - zur Entwicklung eines anderen Bewußtseinsstands im Menschen beitragen kann. Das sollte natürlich immer eines der Ziele von Kunst sein.
Ökologie und die Dritte Welt
Eine letzte Bemerkung (oder Frage) zur Ökologie ist: Kann ökologisches Denken und Handeln in unseren unterentwickelten Ländern entwickelt werden? Besser gesagt, werden die reichen und entwickelten Länder (das heißt, das herrschende ökonomische Machtsystem) zulassen, daß ökologisches Denken und Handeln in unterentwickelten Ländern entwickelt wird?
Globalisation ist nur ein neuer Ausdruck für eine alte Realität, in der einige Länder (die wohlhabenden und entwickelten) denken, sie hätten das Recht (sicher haben sie die Macht) zu entscheiden, was das Beste für die übrigen Länder ist, wobei sie den verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Rollen zuweisen.
Wir werden hauptsächlich als billige Arbeitskräftt und als Lieferanten von Rohmaterialien angesehen. Ökologisches Denken, und besonders ökologisches Handeln verteuert die Prozesse, ist gegen das Interesse des herrschenden ökonomischen Systems, und wird daher im gegenwärtigen Globalsystem nicht wirklich toleriert.
In dieser Hinsicht wird es zunehmend wichtiger, das Bewußtsein der Menschen für ihre Grundrechte und ihre Verpflichtungen zu entwickeln - darunter auch jene, die mit Klang zu tun haben - und stellt einen Schritt vorwärts in die Richtung dar, diese Rechte zu erlangen und zu gewähren.
Erschienen in:
MusikTexte
Zeitschrift für Neue Musik
(Nummer 96, Februar 2003, Seiten 74-75)