La Palma
Hans Ulrich Werner / Michael Rüsenberg
Die architektonische Gestaltung eröffnet alle Möglichkeiten. Der Raum scheint auf jeden Szenenwechsel vorbereitet. Die Mauern, die den Platz einfassen und als Terrasse gestalten, sind zum Sitzen und Spielen gebaut. Hier, am Rande zur Straße, halten sich am liebsten die Jugendlichen auf, während die große Fläche von den Kindern beherrscht wird. Wo sonst in Los Llanos läßt sich so gut Skaten, Radfahren, Fangen und Toben? Letztes Jahr zu Karneval habe ich hier die halbe Nacht zum Rhythmus einer kubanischen Frauenband getanzt. Die Plaza steigt sachte an. Im oberen Teil, unter großen, schattigen Lorbeerbäumen, ist Barbetrieb im Freien. Die Camareros im Kiosko, dem gastronomischen Zentrum des Platzes, kennen die Wünsche des Publikums: un café solo, una cerveza, un zumo de naranja, una copa! Sie zaubern aus der Minibar das Wichtigste, was man zum urbanen Leben braucht. Das Geschäft der kleinen Orders, der klingenden Münze, hinterläßt im Kiosko einen Berg von Monedas. Am Nachmittag, wenn die Läden geschlossen sind, wird es ruhig, aber nicht still. Wenn dann der Platz mit einem trockenen Palmwedel gefegt wird, entsteht das Klangbild einer gemächlichen und genußreichen Stunde. Muße für Zeitungslektüre.
Läuten die Glocken zum Kirchgang, sammelt sich die zumeist weibliche
Gemeinde auf dem Arreal vor der Kirche. Abends wird die Plaza zur Promenade.
Die Touristen treffen sich in größeren Gruppen und nehmen einen Aperitiv vor
dem Essen. Am Café Eden werden die meisten Postkarten geschrieben. Abends
treten auch die deutschen Palmeros in Erscheinung. Man erkennt sie daran,
daß sie mit den Camareros auf Spanisch scherzen, aber auf Deutsch die
Probleme ihres Inseldaseins diskutieren. Die Stühle vor dem städtischen
Kasino sind den älteren Mitgliedern der Sociedad de Los Llanos, sagen wir
den Honoratioren, vorbehalten. Stühlerückend gruppieren sie sich immer
wieder aufs Neue und wandern mit dem Sonnenstand. Bald findet auch der
Neuankömmling seinen Platz und seine Stunde auf der Plaza de España in Los
Llanos. Ruhe, Vitalität und Vielgestaltigkeit des Ortes sind eingebettet in
den Rhythmus des Tages, der Woche und der Inselfeste.
Die unverwechselbare Atmosphäre, der sinnliche Reichtum des Ortes, sie
entfalten sich aus dem Nebeneinander vieler sozialer Gruppen auf engem Raum.
Die Plaza als komplexes räumliches und soziales Gefüge ist Ausdruck einer
Kultur des öffentlichen Raumes, die es bei uns nicht mehr gibt.
In La Palma rücken die Welten zusammen. Terassenbau mit der Hacke,
Ziegenherden, solar betriebene Straßenbeleuchtung, Monokulturen für Bananen,
bäuerliche Gärten, Windkraftanlagen. Wie bei einer tektonischen Faltung
schieben sich traditionelle Wirtschaftsweisen, Massenproduktion und die
ersten Anzeichen einer nachhaltigen Entwicklung übereinander. Die Gegenwart
ist hier besonders ausgeprägt zugleich Vergangenheit und Zukunft.
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